Persönliches Computer-Logbuch von Captain Mara Alba, USS Clara Zetkin
SternzeitHeute war ein wirklich schwerer Tag für mich. Mein Bericht bei Admiral Quinn dauerte mehrere Stunden und war letztlich nur das Vorspiel für die anstehende Kriegsgerichtsverhandlung. Aber das war bei weitem nicht so schwer wie das, was anschließend folgte. 23 Besatzungsmitglieder der USS Nanjin haben unter meinem Kommando das Leben verloren. 23 Familien mussten benachrichtigt werden. Das Sternenflotten Kommando hat für solche Fälle speziell ausgebildetes Personal, doch ich empfinde es meine Aufgabe im Falle des Todes eines meiner Leute die Familien zu informieren. Bei 23 Opfern ist dies jedoch nicht machbar. Nachdem die Nachrichten über unsere Rückkehr berichtet haben ist es den Familien gegenüber unfair wenn sie tagelang auf eine Benachrichtigung warten müssen. Es ist auch unangemessen sich für jede Familie nur eine Viertelstunde Zeit zu nehmen, um sich dann zur nächsten Familie beamen zu lassen. Daher habe ich mit dem Sternenflotten Kommando verabredet, dass ich die Familien von vier Besatzungsmitgliedern persönlich informieren werde und die anderen Familien von Mitarbeitern des Personalamts informiert werden. Diese Familien werde ich dennoch in den nächsten Tagen ebenfalls aufsuchen und mein tiefstes Mitleid ausdrücken.
Vier von 23 Familien. Welche Familie soll ich besuchen und welche besuchen lassen? Eine sehr schwere Entscheidung. 16 betroffene Familien leben auf der Erde, die anderen 7 auf anderen Planeten. Damit fielen für erste 7 Familien raus. Und welche der 16 Familien sollen nun die vier sein? Wie wird das aufgefasst, dass ich gerade jene Familie besucht habe und diese nicht? Eine Entscheidung die ich nicht treffen konnte. Also befahl ich dem Computer vier Familien zufällig auszusuchen. Ich nahm das PADD mit den vier Namen und den Anschriften der Familien, zog meine Ausgehuniform an und lies mich zu der Transporterstation beamen, welche der ersten Familie am nächsten gelegen ist.
Ich hätte mich vom Fahrdienst der Sternenflotte auch direkt vor die Haustür fahren lassen können, doch das wollte ich nicht. Diesen Weg wollte ich selber gehen, auch wenn es wie im Falle von Ensign Eduard Zimmermann einen Fußweg von einer halben Stunde bedeutete. Während ich lief schaute ich immer wieder auf das PADD, prägt mir den Namen von Ensign Zimmermanns Angehörigen ein, schwelgte in Erinnerungen. Zu der Tragik eines Kommandierenden Offiziers gehört es, dass man viele aus seiner Crew nicht wirklich kennt, nicht viel über sie weiß, außer jenes was in den Akten stand.
Ensign Zimmermann war ein Ingenieur an Bord der Nanjin und einem Notfallreparaturteam zugeteilt, als er bei einem Hüllenbruch vor dessen Versiegelung mit seinen Kameraden aus der Nanjin geblasen wurde. Ich erinnerte mich daran, dass ich Ensign Zimmermann häufiger im Maschinenraum gesehen habe, während meinen täglichen Rundgängen. Aber ich erinnere mich auch an meine erste Begegnung mit ihm. Es war vor etwa neun Monaten. Wie es üblich ist meldet sich ein neues Besatzungsmitglied beim Captain. Ensign Zimmermann kam frisch von der Sternenflotten Akademie direkt auf die Nanjin. Er strahlte voller Freude und Stolz über beide Ohren als er meinen Bereitschaftsraum betrat. “Captain Alba Ma’m. Ensign Eduard Zimmermann meldet sich wie befohlen zum Dienst!” rief er wie es das Protokoll verlangte. Ich saß hinter meinem Schreibtisch und erwiderte wie üblich “Captain Alba reicht, Ensign. Ich bevorzuge die Anrede Captain und verzichte auf das Ma’m und auch auf das Sir.” “Aye ..?!” wollte er bestätigen und ich setze seinen Satz mit “Captain” fort. *lächelt* Es ist bei allen Frischlingen das selbe und ich glaube den meistens Captains geht es wie mir: zu viel Protokoll, dass man den ehemaligen Kadetten erst wieder abgewöhnen muss. “Willkommen an Bord der Nanjin, Ensign” begrüßte ich ihn und reichte ihm die Hand.
Wie üblich folgte ein Gespräch mit Ensign Zimmermann. Seiner Personalakte hatte ich entnommen, dass er Violine spielt und so begabt daran ist, dass sich die Musikhochschulen geradezu um ihn gerissen haben. Doch er lehnte ab und wollte zu Sternenflotte – entgegen dem Rat seiner Eltern, die für ihn lieber den künstlerischen weg gewünscht hatten. Ich kam nicht drumherum dem Ensign mitzuteilen, dass mir Violine sehr gefällt und wir hoffentlich bald eine Gelegenheit finden, dass er mir und der Crew sein Können zeigen kann. Leider ist es nicht mehr dazu gekommen, dass ich ihn Violine spielen hören durfte.
Der weg zu dem Haus, in dem Ensign Zimmermann aufgewachsen ist, fühlte sich wie ein Spießrutenlauf an. Ich fühlte mich von allen Seiten beobachtet, alle Augen auf mich gerichtet. Ein Captain in Sternenflottenuniform ist auf der Erde nun nichts ungewöhnliches. Aber wenn ein Captain der Sternenflotte, eine Orionerin, in Ausgehuniform in ein Wohngebiet läuft, genau an dem Tag an dem die Nachrichten melden, dass ein Sternenflottenraumschiff unter dem Kommando einer Orionerin 23 Verluste zu beklagen hat, dann dürfen eine Menge Leute wissen, was dies zu bedeuten hat. Das ich dazu noch nicht wie eine Frohnatur drein geschaut habe, dürfte sein übriges getan haben. Viele Passanten haben beim vorbeigehen gegrüßt, aber in vielen Augen konnte ich es genau lesen. “Hoffentlich hat es niemanden getroffen, den ich kenne.” Vielleicht bin ich auch nur paranoid, aber ich fühlte mich unbehaglich.
Als ich in der Straße angekommen war, wo die Zimmermanns wohnen, pochte mein Herz immer heftiger und das Atmen fiel mir schwerer. Zwei Häuser vorher blieb ich stehen, atmete tief durch, strich mir die Tränenflüssigkeit aus den Augen und meine Uniform zurecht. Während ich langsam auf die Gartenpforte zuging, gingen mir unzählige Gedanken durch den Kopf. Hoffentlich versagt meine Stimme nicht, hoffentlich klingst du nicht zu fröhlich oder zu lässig, hoffentlich triffst Du die richtigen Worte. Und dann … Und dann waren gar keine Worte nötig. Ich öffnete die Gartenpforte und noch bevor ich hindurch geschritten bin, wurde ich bereits von den Zimmermanns, welche besorgt auf der Veranda saßen und Radio gehört haben, entdeckt. Herr Zimmermann legte die Hände über sein Gesicht, Frau Zimmermann fing augenblicklich zu kreischen und zu weinen an. Sie lief weinend auf mich zu, während ich langsam auf sie zu ging und dabei die jüngeren Geschwister von Eduard entgeistert auf mich starrend entdeckte. “Nein … Nein … Nein”, kreischte Frau Zimmermann und schlug mit ihren Händen zu Fäusten geballt auf meine Brust ein und dabei mir vor die Knie. Meine Augen füllten sich mit Tränenflüssigkeit und ich war bemüht nicht selbst zu weinen, während ich versuchte Frau Zimmermann aufzufangen und langsam mit ihr zu Boden zu gleiten. “Es tut mir so Leid” brachte ich nur noch heraus, während ich auf den Knien saß und Frau Zimmermann in den Armen hielt.
Herr Zimmermann lief im Zick Zack auf dem Hof uns entgegen, hielt sich beide Hände vor die Augen, wanderte mit ihnen zur den Schläfen und war bemüht nicht selbst in Tränen auszubrechen. Er kniete sich zu seiner Frau und umarmte sie um sie zu trösten. Ich fühlte mich so hilflos und legte meinen anderen Arm um ihm. Irgendwann konnte auch Ensign Zimmermanns Vater seine Tränen nicht mehr zurück halten und beide weinten sich an meiner Brust aus, während ich meine Arme um sie gelegt hatte und gegen meine Tränen ankämpfte. “Du darfst jetzt nicht weinen! Du bist Captain Mara Alba. Captains weinen nicht … wenn man sie beobachtet!” Mehrere Minuten verharrten wir so auf dem Boden hockend. Während die drei kleinen Kindern sich unsicher uns näherten und zögerlich nach ihren Eltern riefen. “Es tut mir so Leid. Es tut mir so Leid” – was anderes konnte ich nicht sagen. Das Gekreische der Mutter hatte bereits die ganze Nachbarschaft aufgeschreckt. Über die Büsche an den Seiten schauten die Nachbarn mit entgeisterten Augen und den Händen vor dem Mund, auf dem Gehweg blieben die Passanten stehen und schauten mit ähnlicher Mimik in den Garten der Zimmermanns.
Je länger wir dort saßen, um so beunruhigter wurden die Kinder, welche wohl langsam realisierten, dass etwas ganz schlimmes geschehen ist. Sie riefen immer lauter nach ihrer Mama und ihrem Papa und es war deutlich zu hören, dass ihnen Tränen in den Augen standen. Und es waren jene Kinder, welche die Eltern in die Realität zurück holten. Das elterliche Fürsorgebedürfnis überwog der Verzweiflung und nach Minuten der Trauer rafften sich die Zimmermanns langsam auf. Ich war den Kindern so dankbar – denn ich wusste nicht, wie ich diese Lage entschärfen sollte. Frau Zimmermann ging voraus mit den Kindern ins Haus, ihr Mann folgte ihr langsam und ich konnte ihm ansehen, dass heute der Tag war an dem er gebrochen wurde. Ich selbst stand langsam auf und folgte der Familie ins Haus.
Herr Zimmermann der langsam die Fassung wieder gewonnen hatte, führte mich schweigend ins Wohnzimmer und bat mich zu setzen, während Frau Zimmermann auf dem Flur mit den Kindern redete. Ich habe nur Bruchstücke verstanden, aber sie hat die Kinder auf ihre Zimmer geschickt, damit sie für ihren Bruder beten. Ich setze mich im Wohnzimmer auf die Couch und Herr Zimmermann setze sich mir schweigend gegenüber. Erst Frau Zimmermann brach das Schweigen, indem sie mich fragte, ob ich was trinken wolle, was ich verneinte.
“Wie ist Eduard” fragte Herr Zimmermann, traute sich aber nicht das “gestorben” an seine Frage anzuhängen. Ich erklärte ihnen, dass er auf Deck 3 eine defekte Plasmaleitung reparieren wollte, als genau an der Stelle die Hülle brach und er zusammen mit seinen beiden Kollegen aus dem Schiff geblasen wurde, bevor die Notfallkraftfelder reagieren konnte. Auf die Frage, ob es schnell ging, antwortete ich mit einem “Ja”, wohl wissend, dass die Zimmermanns keine Raumfahrer sind und es bis zum Eintreten der Bewusstlosigkeit rund 20 Sekunden vergehen und theoretisch nach 80 Sekunden noch eine Reanimation möglich ist. Was sollte ich ihnen sonst sagen? Das ihr Junge qualvoll, voller Schmerz gestorben ist? In diesem Fall ist eine Lüge für beide Seiten angenehmer.
Anderthalb Stunden bin ich bei den Zimmermanns geblieben, in denen wir über Ensign Zimmermann geredet haben. Sie haben mir von allen Etappen in seinem Leben berichtet, Fotos gezeigt. Ich habe im Gegenzug von meinem ersten Aufeinandertreffen mit ihrem Sohn berichtet, erzählt das seine direkten Vorgesetzten nie etwas an ihm auszusetzen hatten, ihn für einen fähigen Offizier und ein wertvolles Besatzungsmitglied gehalten haben. Ich habe mein Bedauern ausgedrückt, dass ich ihn nicht besser kennengelernt habe und das ich ihnen nichts von seinen Habseligkeiten mitbringen konnte, weil alles zusammen mit der Nanjin vernichtet wurde. Ensign Zimmermann wird auf der Erde von der Sternenflotte zwar ein Grab bekommen, aber eines das leer bleibt, denn seine Leiche wird nie beerdigt werden. Die Zimmermanns werden zwar einen Ort haben, wo sie trauern können – wohl wissend, dass ihr Sohn dort aber nicht beerdigt ist.
Ich habe während meiner Laufbahn bei der Sternenflotte schon einige meiner Leute verloren. Aber noch nie war ich nicht in der Lage den Familien etwas zu überbringen. Keine Leiche, keine Violine, Nichts. Alles treibt dort draußen in Millionen Teile zerfetzt und wird vermutlich niemals die Erde erreichen. Das schmerzt sehr.
Erstaunlicherweise waren die Zimmermanns nicht böse auf mich. Sie haben mir keine Schuld gegeben. Auch nicht der Sternenflotte. Vielleicht kommt das noch, aber als wir uns verabschiedet haben, haben sie sich bei mir bedankt, dass ich als Captain persönlich vorbei gekommen bin.
Dieser erste Besuch heute tat sehr weh. Ich ging ruhigen Schrittes aus dem Haus, ging über den Hof und anschließend die Straße in Richtung der Transporterstation. Nachdem ich ein paar Häuser und die dort lauernden Nachbarn hinter mir gelassen hatte, konnte ich meine Tränen nicht mehr zurück halten. Ich lies sie aus den Augen tropfen und fing an zu laufen – so schnell ich konnte und kreischte innerlich. An der nächsten Kreuzung bog ich ein und lies mich auf den Boden fallen, weinte mit dem Rücken an einen Zaun gelehnt, die Beine angewinkelt und den Kopf darüber verschränkt einfach vor mich hin. “Captains weinen nicht, wenn man sie beobachtet”, ging mir durch den Kopf “Ach scheiß drauf!”, schrie ich innerlich. “Du hast 23 Leute verloren! Da wird doch auch ein Captain mal weinen dürfen!”
Logbuch-Eintrag Ende
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